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Vereinsmitteilung

15.09.2016

„Unihockey entwickelt sich immer noch rasend schnell“

„Unihockey entwickelt sich immer noch rasend schnell“

Schon bald ist Saisonstart. Grund genug, um mit unserem Trainer und Nachwuchsverantwortlichen Simon Meier über seine ersten Monate als Profitrainer, die Vorbereitung und unsere Juniorenabteilung zu sprechen.

Nicolas Hafner: Du bist jetzt seit einigen Monaten Profitrainer. Inwiefern hat sich dein Leben verändert und wie sieht ein typischer Tag aus?
Simon Meier: Mein Leben hat sich komplett verändert, denn es gibt keinen typischen Tag mehr. Ich beginne gegen sieben Uhr früh mit der Arbeit und bin abends um elf fertig. Mein Arbeitstag setzt sich aus vielen kleinen Fragmenten zusammen, die manchmal nur 30 Minuten dauern. Die Familie mitgezählt, übe ich momentan sieben Jobs gleichzeitig aus. Die grösste Herausforderung ist deshalb, mich zu organisieren, zu priorisieren. Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht und es ist wunderbar, dass ich hauptsächlich mit Unihockey beschäftigt bin.

Welche Erlebnisse haben dich in deiner Laufbahn als Trainer geprägt und beeinflussen dein heutiges Wesen und Wirken?
Am wichtigsten waren sicherlich andere Trainer. Ich konnte von praktisch allen Kollegen, mit denen ich je zu tun hatte, etwas mitnehmen – sei es im taktischen, physischen oder menschlichen Bereich. Als Trainer gibt man sehr viel. Deshalb schaue ich, dass ich mir immer wieder Inspiration holen kann. Angesichts der nach wie vor rasanten Entwicklung unserer Sportart ist die eigene Fortbildung zentral, sonst wirst du abgehängt.

Wie stellst du dir ideales Unihockey vor?
Das lässt sich nicht so einfach sagen, denn Unihockey verändert sich wie gesagt unglaublich schnell. Insofern würde ich gewisse Dinge, die ich noch vor fünf Jahren lehrte, heute nicht mehr so machen. Deshalb beobachte ich die internationale Entwicklung sehr genau, denn diese wird bald auch in der NLA und später im Nachwuchs  zu sehen sein. Ein Beispiel ist etwa das Umschaltspiel, also das Verhalten nach einem Ballgewinn. Hier wird heute mit viel mehr Zug direkt aufs Tor gespielt und mindestens ein Verteidiger schaltet sich auch in den Gegenstoss ein. Oder das Direktpass-Spiel, das in den letzten Jahren in der Schweiz als oberste Maxime gelehrt wurde: Heute wird das lange Zeit verpönte Ballhalten und –abdecken wieder wichtiger. Dementsprechend muss auch die Ausbildung flexibel Schritt halten können.

Du arbeitest als Profi, deine Spieler betreiben Unihockey hingegen „nur“ als ambitioniertes Hobby. Wie gehst du mit dieser Diskrepanz um?
Das grösste Problem ist wahrscheinlich, dass die Spieler denken: „Schau der ist erst grad vor dem Training aus dem Bett gestiegen“ (lacht). Nein, ernsthaft: Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass der Leistungssportgedanke noch nicht so weit entwickelt ist, wie er in meinen Augen sein sollte. Das könnte mit dieser Diskrepanz zu tun haben.

In den letzten vier Jahren startete Uster immer mit einem anderen Trainer in die Saison. Wie wurdest du aufgenommen und wie lief die Vorbereitung?
Wir sind gut gestartet. Die Spieler sind offen und empfänglich für neue Ideen, das gefällt mir. Und ich glaube auch, sie sind dankbar, dass sich jemand intensiv mit ihnen auseinandersetzt. Das Niveau ist nach wie vor hoch, auch wenn wir noch nicht so weit sind, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Kannst du das präzisieren?
Die Mannschaft hat während der ganzen Vorbereitung immer wieder sehr gute Leistungen gebracht, die die Richtung wiesen. Allerdings mussten wir gleichzeitig auch öfters Rückschritte hinnehmen, so dass wir für gewisse Themen länger brauchten als geplant. Uster ist eine Mannschaft, die sehr viel spielerisches Potenzial besitzt. Aber mir scheint, dass es in den letzten Jahren etwas verpönt war, den Körper einzusetzen, auf den Mann zu spielen, um jeden Ball zu kämpfen. Diese physische Intensität ist ab einem gewissen Niveau eine Grundvoraussetzung, wenn man Erfolg haben will. Das schliesst „schönes“ Unihockey ja nicht aus. Insofern war die Partie gegen Classic Tampere (Uster verlor 2:12, die Red.) am Latvian Open eine super Lehrstunde, denn die Finnen vereinigten diese beiden Aspekte in ihrem Spiel ausgezeichnet.

Angesichts der zusätzlichen Qualität im Kader hört man aus dem Umfeld des Vereins immer wieder die Frage „wann, wenn nicht jetzt?“ (schafft das Team die erstmalige Playoff-Qualifikation). Wie gehst du mit dieser Erwartungshaltung um, und was gibst du der Mannschaft mit?
Die Erwartungshaltung ist da – intern wie extern. Die kann und will ich nicht wegdiskutieren. Aber die Neuerungen punkto Transfers und Trainer sind nicht entscheidend. Der springende Punkt ist vielmehr, wie das Team mit diesen Veränderungen umgeht und wie es Unihockey spielen und leben will. Wenn es uns gelingt, die vorhin angesprochenen Elemente in unser Spiel zu integrieren, wird es reichen.

Wechseln wir zur Nachwuchsabteilung, der du als Ausbildungsverantwortlicher vorstehst. Was sind deine ersten Eindrücke, und wo steht Uster im Vergleich mit der Konkurrenz?
Ich sehe so viele verschiedene Baustellen, dass ich mir bis jetzt keinen umfassenden Überblick verschaffen konnte und noch immer Eindrücke sammle. Klar ist: Im ganzen Verein muss ein Umdenken stattfinden. Es braucht ein klares Bekenntnis zum Leistungssport, damit sich die NLA-Mannschaft weiterentwickeln kann. Meine Erwartungen an alle Beteiligten – nicht nur die Spieler – sind klar höher. Wir sind momentan meilenweit von der Schweizer Spitze entfernt und werden noch Jahre brauchen, bis wir diesen Rückstand wieder aufgeholt haben.

Wo drückt der Schuh konkret?
Ich sehe momentan keinen einzigen Spieler im Ustermer Nachwuchs, der sich hohe Ziele setzt und bereit ist, für die deren Realisierung dementsprechend viel zu investieren. Es existiert eine völlig falsche Anspruchshaltung an den Verein. Drei Trainings pro Woche ist in meinen Augen noch keine Leistung, sondern erfüllt gerade die Minimalanforderungen. Seit ich hier bin, ist noch kein Spieler zu mir gekommen und hat mich nach zusätzlichen Trainingsmöglichkeiten gefragt, obwohl wir genau das anbieten wollen. Wenn ich das mit meiner Arbeit als U19-Trainer vergleiche und mit den Spielern, die ich dort betreue, dann bin ich in Uster ein paar Mal ziemlich erschrocken.

Was ist zu tun?
Es braucht eine Kulturveränderung. Und damit Willen, Energie und Zeit – das habe ich. Wir wollen eine hochwertige Ausbildung anbieten. Das ist der Anspruch an den Verein und den darf man als Spieler haben. Im Gegenzug erwarte ich von den Junioren, dass sie den Leistungsgedanken mittragen und verinnerlichen. Es braucht pro Jahrgang höchstens zwei bis drei Spieler, die bereit sind, Vollgas zu geben und mehr zu investieren. Die wissen, dass man hohe Ziele nur mit viel Arbeit erreichen kann. Solche Typen erleichtern es mit ihrer Energie den anderen, mitzuziehen. Diese Spieler habe ich noch nicht gesehen. Nun muss ich mir Massnahmen überlegen, um diesen Kulturwandel herbeizuführen.